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Direktvertrag in Baden-Württemberg: Umbruch für Ärzte

Vertrag zwischen AOK und Hausärzten

Hunderttausende Krankenversicherte und Mediziner in Baden-Württemberg sollen von dem bundesweit ersten direkten Vertrag zwischen AOK und Hausärzten profitieren. «Wir organisieren etwas wirklich Neues», sagte AOK-Landeschef Rolf Hoberg in Berlin.




Der Vertrag sorgt für Aufsehen, weil mit der AOK erstmals eine Kasse die jüngste Gesundheitsreform nutzt und Ärzte ohne Beteiligung der Kassenärztlichen Vereinigung bezahlt. Nach der Einigung zwischen Landes-AOK, Hausärzteverband und Ärzteverband MEDI können sich Versicherte und Ärzte ab 1. Juli einschreiben. Für Versicherte bringt der freiwillige Schritt Verbesserungen und Einschränkungen.

Vor allem Chroniker und Kranke sollen eine bessere Betreuung und längere Arztgespräche bekommen, sagte der Bundesvorsitzende des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt. Gesündere Patienten müssten sich dagegen verstärkt selbst helfen und sollten Vorsorge betreiben, würden dabei aber angeleitet. Teilnehmer wählen einen beteiligten Arzt und binden sich - außer bei Umzug - für mindestens ein Jahr an ihn. Fachärzte dürfen in der Regel nur noch mit Überweisung besucht werden. Praxisgebühr und Zuzahlungen bleiben. Einmal pro Woche soll es eine Abendsprechstunde geben. Bei der Suche nach Facharztterminen wird den bisher oft benachteiligten gesetzlich Versicherten geholfen.

Berthold Dietsche, Landeschef des Hausärzteverbands, qualifizierte den Vertrag zur «Hausarztzentrierten Versorgung» als «historische Wende» und «Revolution». «Stethoskop statt Stift lautet unser Motto», sagte Hoberg. Die komplizierte Quartalsabrechnung solle künftig auf einen Bierdeckel passen, dem Arzt viel Bürokratie erspart werden. Die Partner gehen von einer freiwilligen Beteiligung von mehr als einer Million Versicherten und 5000 Ärzten bis Ende 2009 aus. Für Nichtteilnehmer ändere sich nichts.

Für Ärzte solle das Honorar für die Behandlung eines Patienten pro Quartal von heute rund 53 Euro im Schnitt auf bis zu 80 Euro steigen, sagte Dietsche. Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Kuno Winn, warnte vor Eingriffen in die Therapiehoheit. Er verwies darauf, dass die Ärzte mit neuer Software in ein Datennetz einbezogen würden.

Bundesweit werde es Nachahmer geben, meinten die Beteiligten übereinstimmend. MEDI-Chef Werner Baumgärtner sagte, die Kassenärztlichen Vereinigungen hätten nur noch ein «mittelfristiges Dasein». Seit Jahren protestieren Hausärzte immer vehementer gegen die Honorarverteilung der Kassenärztlichen Vereinigungen nach komplizierten Punktwerten, die aus ihrer Sicht die Fachärzte bevorzugen. Der bayerische Hausärzteverband betreibt derzeit den Komplettausstieg aus dem Kassensystem. Im kommenden Jahr soll es zwar eine neue, bessere Honorarordnung geben. Nach Ansicht der Vertragspartner werde die hinter der eigenen Lösung aber zurückbleiben. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung will auf den Unmut in den eigenen Reihen durch ein eigenes Konzept reagieren, dass unmittelbar vor dem Ärztetag in Ulm am 19. Mai beraten werden soll.

Hoberg sagte, erwartete 200 Millionen Euro würden über den neuen Vertrag verteilt. Deutliche Einsparungen seien zu erwarten, da Verschreibungen vielfach durch Gespräche und teure Arznei durch günstige Nachahmermedikamente (Generika) ersetzt würden. 

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt ruft Kassen zu weiteren Hausarztverträgen auf
Nach Abschluss dieses bundesweit ersten Direktvertrags zwischen einer Krankenkasse mit Hausärzten hat Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) zur Nachahmung in anderen Ländern aufgerufen. Schmidt bezeichnete den Vertrag zwischen der AOK Baden-Württemberg und den dortigen Hausärzten als «Durchbruch», wie ein Ministeriumssprecher am Freitag in Berlin mitteilte. Mit der AOK nutzt erstmals eine Kasse die jüngste Gesundheitsreform und bezahlt Ärzte ohne Beteiligung der Kassenärztlichen Vereinigung, die auf dem Feld bisher ein Monopol hatte.

Für Versicherte und Verbände könne die hausarztzentrierte Versorgung sehr gut sein, sagte der Sprecher. Dabei binden sich Versicherte für eine bestimmte Dauer an einen Allgemeinarzt, sollen dafür aber eine bessere Betreuung bekommen. Das bisher fest gefügte System der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) sei nicht mehr felsenfest im Boden verankert. Versicherte und Ärzte in Baden- Württemberg können sich vom 1. Juli an einschreiben. Seit Jahren protestieren Hausärzte gegen die Honorarverteilung der KVen nach Punktwerten, die aus ihrer Sicht die Fachärzte bevorzugen.

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